Brief 1809-01-01/02

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Dresden, 1. Januar 1809

Absender: Heinrich von Kleist

Adressat: Karl Freiherr von Stein zum Altenstein


Hochwohlgeborner Freiherr,

Hochzuverehrender Herr Finanzminister,

Ich möchte Ihre Hand ergreifen, mein großer und erhabener Freund, und einen langen und heißen Kuß darauf drücken! Denn was soll ich Ihnen, so wie die Verhältnisse stehn, sagen, in dem Tumult freudiger Empfindungen, durch den Inhalt der letzten Berliner Zeitungsblätter erregt? Möchte jedes Herz nur, wie das meinige, Ihnen zufliegen, das Vaterland müßte, wie jener Sohn der Erde, von seinem Fall erstehn: mächtiger, blühender, glücklicher und herrlicher, als jemals!

Ew. Exzellenz Ankunft in Berlin erwarte ich bloß (denn darauf dürfen wir doch hoffen?), um Denenselben die Abschrift einer Hermannsschlacht zuzustellen, die ich eben jetzt nach Wien geschickt habe. Schon aus dem Titel sehen Sie, daß dies Drama auf keinem so entfernten Standpunkt gedichtet ist, als ein früheres, das jetzt daselbst auf die Bühne kommt. Und wenn der Tag uns nur völlig erscheint, von welchem Sie uns die Morgenröte heraufführen, so will ich lauter Werke schreiben, die in die Mitte der Zeit hineinfallen.

Ich kann diesen Augenblick, in welchem Ew. Exzellenz gewiß, mehr als jemals, bemüht sind, alle Kräfte um sich zu versammeln, nicht vorübergehen lassen, ohne Sie auf einen Freund, den Herzogl. Weimarisch. Hofr. Adam Müller (einen Preußen von Geburt) aufmerksam zu machen. Ew. Exzellenz wird vielleicht schon, aus öffentlichen Blättern, bekannt sein, daß dieser außerordentliche Geist, im Laufe dieses Winters, vor einer geschlossenen Gesellschaft, einen Kursus politisch-ökonomischer Vorlesungen angefangen hat; es ist fast das ganze diplomatische Korps (mit Ausnahme des Hr. v. Bourgoing), das sich, zweimal in der Woche, in der Wohnung des Pr[inzen] Bernh. v. Weimar, mit einem in der Tat seltenen Beifall, um ihn versammelt. Ich nehme mir die Freiheit, Ew. Exzellenz die zehnte Vorlesung, die ich ihm halb im Scherz, halb im Ernst, entrissen habe, als eine Probe, auf eine wie weltumfassende Art er seinen Gegenstand behandelt, mitzuteilen. Da ihn das Leben eigentlich mehr, als das Studium, innerhalb der Grenzen der Bücher, erzogen hat, und sein Gemüt, wie gewiß jeder anerkennen wird, von einer großen praktischen Fähigkeit ist, so wüßte ich nicht, wie ich das unauslöschliche Bestreben, dem Vaterlande, auch außer dem Dichterkreise, der mir verzeichnet ist, noch nützlich zu sein, besser betätigen könnte, als dadurch, daß ich Ew. Exzellenz diesen Mann zu empfehlen wage. Seine Lage ist zwar hier, als öffentlicher sowohl, als auch als Lehrer des Pr. Bernhard von Weimar, so, daß ich nicht weiß, wie die Bedingungen beschaffen sein müßten, die ihn reizten: der Herzog v. Weimar will ihn, nach vollendeter Erziehung seines Sohnes, in seine Dienste nehmen; doch der große, innige und begeisterte Anteil, den er an die Wiedergeburt des Vaterlandes nimmt, und die gänzliche Versenkung seines Geistes in die Zeitungsblätter, die davon handeln, verstatten keinen Zweifel, daß er nicht, selbst auch mit Hintansetzung pekuniärer Vorteile, einem Rufe folgen sollte, wenn nur sonst der Wirkungskreis, in welchen er dadurch versetzt würde, seinen Kräften angemessen wäre. Er weiß von diesem Schreiben nichts, obschon er im allgemeinen wohl ahndet, zu welchem Zweck ich jene Vorlesung an mich genommen habe. Wie glücklich wäre ich, wenn in Ew. Exzellenz gütigem Antwortschreiben, auf das ich zu hoffen wage, eine Äußerung enthalten wäre, auf die gestützt ich ihn aufmuntern könnte, sich selbst bei Höchstdenselben um einen Platz in dem Geschäftskreise zu bewerben, in dessen Mitte Sie stehn! - Gänzliche Vergessenheit, mein erhabner Freund, über diese Zeilen, wenn sie etwas Unbescheidnes enthalten!

Ich verharre in der innigsten und tiefsten Verehrung,

Ew. Exzellenz gehorsamster

Dresden, den 1. Januar 1809

H. v. Kleist.

Pirnsche Vorstadt, Rammsche Gasse 123


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