Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 39)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


Überlieferung (Bülow 1848)

Kleist hatte bei seiner Verlobung die Grille als Grundsatz gelten gemacht, daß die Eltern nichts davon zu wissen brauchten, wenn zwei Liebende sich für einander bestimmt hätten, und erklärte, daß, sobald erst über ein solches Verhältnis gesprachen werde, oder Oheims und Basen sich hineinmischten, es für ihn allen Reiz verlöre. Eine geistvolle Schwester seiner Braut, die jederzeit sein besonderes Vertrauen besessen und verdient hat, und die er seine goldne Schwester zu nennen pflegte, war deshalb eine geraume Weile die einzige Mitwisserin des Geheimnisses der Liebenden; da es den jungen Mädchen aber auf die Dauer allzu peinlich ward, es ihren Eltern verborgen zu halten, mußte es ihnen Kleist am Ende selbst sagen.

Kleists leidenschaftliche Liebe verlangte von seiner Braut zuletzt, daß sie nichts freuen sollte, als was sich auf ihn bezog, und es verging selten ein Tag, an dem er nicht über Mangel an Liebe gegen sie zu klagen hatte. Wiewohl er Haus an Haus mit ihr wohnte, und sie täglich sah, schrieb er ihr beinahe täglich die leidenschaftlichsten Briefe.

Er hatte mittlerweile seinen Studienplan geändert, und die Diplomatie zu seinem künftigen Lebensberufe gewählt, indem er sich schmeichelte, binnen kurzem einen Gesandtschaftsposten zu erlangen. Die Eltern seiner Braut hielten zwar dafür, daß er mit seinen Hoffnungen etwas zu voreilig sei, wollten ihm aber in seinem Plane nicht geradezu entgegen sein. Die Verlobung des Paares blieb dabei insofern ein öffentliches Geheimnis, als es aller Welt bekannt war, ohne daß man eben davon sprechen durfte.

(Sembdners Quelle: Bülow, Eduard v.: H. v. Kleists Leben und Briefe. Berlin 1848, S. 13f.)


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