Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 82)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


Heinrich Geßner an Zschokke. Bern, 20. Oktober 1802

Gleich in den ersten Tagen ward mir die Druckerei versiegelt und der Befehl vom General von Wattenwyl erteilt, Bern sogleich zu verlassen; ich reklamierte als Angestellter der Regierung nach § 5 der Capitulation … An Bruder Louis [Wieland] aber übten die Herren ihre ganze Insolenz – eines Morgens wurde er zum Polizei-Direktor Wild gerufen, der ihm anzeigte, auf allerhöchsten Befehl in Zeit von 12 Stunden die Stadt zu räumen, er erbat sich eine nähere Erklärung dieser einmaligen Verfügung, worauf ihn Wild an den Chef der Militär- Polizei, Hrn. Steck von Lenzburg, wies. Nach öfterem Versuch, diesen mündlich zu sprechen, frug er ihn schriftlich und erbat sich einen Paß auf Zürich, indem er nicht glaubte, daß ihr Bannissement über die Grenze des Cantons sich erstrecke. Dies war die einzige Pointe des Billets. – Gleich nachher kam Befehl, welcher wörtlich lautete: Ludwig Wieland von Weimar soll innert zwei Stunden außert der Stadt sein, sonst wird er durch Harschiere hinaus geführt, unterzeichnet Steck von Lenzburg. Diesem Befehle ward ein Paß auf Basel beigelegt. Wie ein Deus ex machina fand sich Kleist und seine Schwester, die eben über Neuchatel nach Jena reisen wollten, und nun ihre Abreise mit Louis sogleich beschlossen – ich erbat mir nun einen Paß vom Unterstatthalter auf Neuchatel, sandte denselben ins General-Quartier zum Unterzeichnen, mit dem Bedeuten, daß Louis eine Gelegenheit gefunden hätte, in der beraumten Zeit über Neuchatel zu verreisen. Die Herren sagten aber: Der Leckersbub soll über Basel und in einer Stunde weg sein, und zerrissen den zweiten Paß. Kleist entschloß sich, über Basel zu reisen, und so waren sie in einer Stunde fort.

Wild kam und hielt Haus-Visitation. Louis' ganzes Verbrechen war, wie sich jetzt Hr. Steck entschuldigte, daß Kleist und Wieland vor dem General-Quartier gestanden und gelacht hätten. So toll sanscülottisierten diese Herrn. – Der alte Wieland wird ihnen aber etwas erzählen.

(Sembdners Quelle: Zolling, Theophil: H. v. Kleist in der Schweiz. Stuttgart 1882, S. 161)


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