Brief 1801-01-11

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Berlin, 11. (und 12.) Januar 1801

Absender: Heinrich von Kleist

Adressat: Louise von Zenge


[An Fräulein Louise v. Zenge Hochw. zu Berlin, abzugeben bei dem Kaufmann Clausius]

Berlin, den 11. (und 12.) Januar 1801

Liebe, teure Wilhelmine, ja wenn Du mir so aus Deinem Herzen zu meinem Herzen schreibst, so muß ich Dir gleich antworten und wenn ich noch zehnmal mehr zu tun hätte. O wie schmerzt es mich, daß ich vorgestern in meiner übeln Laune jenen trüben Brief an Dich abschickte, den Du grade heute empfangen haben wirst, grade heute, wo ich den Deinigen empfing, der mir so herrlich den Mut und die Liebe von neuem belebte. Verzeihe mir diesen letzten Ausbruch meiner Unzufriedenheit mit mir, antworte mir gar nicht auf diesen Brief, verbrenne ihn lieber ganz und lies dafür diesen recht oft durch, den ich froh und heiter und mit Innigkeit für Dich niederschreibe.

- - Als ich so weit geschrieben hatte, klingelte jemand; ich mache auf, und wer war es? Dein kleiner Bruder von den Kadetten, den ich noch nie sah und jetzt zu sehen mich sehr freute. Er wollte Carln besuchen, der aber nicht zu Hause war. Ich teilte ihm, an Carls Stelle, Nachrichten von seiner Familie mit, küßte dann den kleinen Schwager (der Jettchen gleicht, und dessen Gesicht etwas Gutes verspricht), leuchtete dann dem armen Jungen durch die öden noch nicht bewohnten Zimmer und Treppen dieses Hauses und kehre nun wieder zu Dir zurück. -

Ja, liebes Mädchen, so oft ich Dir gleich nach Empfang Deines Briefes antworte, kannst Du immer überzeugt sein, daß er mir herzliche Freude gewährt hat; nicht etwa, weil er schön oder künstlich geschrieben ist - denn das achte ich wenig, und darum brauchst Du Dir wenig Mühe zu geben - sondern weil er Züge enthält, die mir Dein Herz liebenswürdiger und Deine Seele ehrwürdiger machen. Denn da ich Dich selbst nicht sehen und beurteilen kann, was bleibt mir übrig, als aus Deinen Briefen auf Dich zu schließen? Denn das glaube ich tun zu dürfen, indem ich Deine Worte nicht bloß für Worte, sondern für Deinen Schattenriß halte. Daher ist mir jeder Gedanke, der Dich in ein schöneres Licht stellt, jede Empfindung, die Dich schmückt, teuer, wie das Unterpfand einer Tat, wie das Zeichen Deines moralischen Wertes; und ein solcher Brief, der mir irgend eine schönere Seite Deiner Seele zeigt und dadurch unwillkürlich, unerwartet, überraschend mir das Bewußtsein Dich zu besitzen plötzlich hell und froh macht, ein solcher Brief, sage ich, wirkt auf meine Liebe, wie ein Öltropfen auf die verlöschende Flamme, die von ihm benetzt plötzlich hell und lustig wieder herauflodert.

Ja, liebe WiIhelmine, wenn jemals die Erinnerung an Dich in mir immer kälter und kälter werden sollte, so bin ich in meinem heiligsten Innern überzeugt, daß es einzig Deine Schuld sein würde, nie die meinige. Nur dann könnte und müßte ich gleichgültig gegen Dich werden, wenn die Erfahrung mich lehrte, daß der Stein, den ich mit meiner ganzen Seele bearbeitete, den Glanz aus ihm hervorzulocken, kein Edelstein wäre - Ich würde Dich darum nicht verlassen, - denn warum solltest Du den Irrtum büßen, den ich beging? Aber unglücklich würde ich sein, und Du würdest nicht glücklich sein, weil ich es nicht sein kann; denn das Gemeine kann man nur brauchen, nur das Edlere kann man lieben, und nur die Liebe macht das Leben süß.

Aber sei der Liebe würdig und nie wird es Dir daran fehlen. Nicht als ein Geschenk fordre sie von mir, Du kannst sie Dir erwerben, Du kannst sie von mir erzwingen, und nur so wird sie Dich und mich glücklich machen; denn das Herz ist das einzige Eigentum, das wir uns lieber rauben lassen, als auf Bitten und Gesuche verschenken. Nie ist es einem Mädchen leichter gewesen, sich die Liebe ihres Geliebten zu erhalten als Dir, denn ganz unglücklich würde ich selbst sein, wenn ich sie Dir je entziehen müßte. Ich würde Dich dann nicht verlassen - denn meine Pflicht ist mir höher selbst als mein Glück; aber eben das würde mich ganz unglücklich machen.

Daher kann ein Wechsler die Echtheit der Banknote, die sein Vermögen sichern soll, nicht ängstlicher untersuchen, als ich Deine Seele; und jeder schöne Zug, den ich an ihr entdecke, ist mir lieber, ja lieber selbst, als wenn ich ihn an mir selbst entdeckte. Manches Mädchen habe ich schon mit Dir verglichen, und bin ernst geworden, z. B. die Lettow, die Duhattois etc.; manches ist auch hier in Berlin, das ich gegen Dich halte, und ernst macht mich jedesmal diese Vergleichung; aber Du hast eine jahrelange Bekanntschaft, die innigste Vertraulichkeit, eine beispiellose Tat und ebenso beispiellose Verzeihung für Dich, und wenn Du nur ein weniges noch, nur die Ähnlichkeit mit meinem Ideale, nur den ernsten Willen, es einst in Dir darzustellen, in Deine Waagschale legst, so sinkt die andere mit allen Mädchen und mit allen Schätzen der Erde.

Ein Gedanke, Wilhelmine, steht in Deinem Briefe, der mich mit unbeschreiblicher Freude und Hoffnung erfüllt; ein Gedanke, nach dem meine Seele dürstete, wie die Rose in der Mittagsglut nach dem Tau - den ich Dir aber nicht in die Seele zu pflanzen wagte, weil er, wie die Orange, keine Verpflanzung leidet und nur dann Früchte trägt, wenn ihn die Kraft des eignen Bodens hervortreibt -: Du schreibst mir, daß Dir jetzt ein Gefühl die Seele bewegte, als ob eine neue Epoche für Dich anheben würde. - Liebe Wilhelmine! Soll ich Dir gestehen, daß ich mich oft schon, sinnend, mit Ernst und Wehmut fragte, warum sie nicht schon längst eingetreten war? So viele Erfahrungen hatten die Wahrheit in mir bestätigt, daß die Liebe immer unglaubliche Veränderungen in dem Menschen hervorbringt; ich habe schwache Jünglinge durch die Liebe stark werden sehen, rohe ganz weichherzig, unempfindliche ganz zärtlich; Jünglinge, die durch Erziehung und Schicksal ganz vernachlässigt waren, wurden fein, gesittet, edel, frei; ihr ganzes Wesen erlitt schnell eine große Reform, und gewöhnlich fing sie bei dem Anzuge an; sie kleideten sich sorgsamer, geschmackvoller, gewählter; dann kam die Reform an dem Körper, seine Haltung ward edler, sein Gang sichrer, seine Bewegungen zierlicher, offner, freimütiger, und hierbei blieb es, wenn die Liebe nicht von der höheren Art war; aber war sie es, so kam nun auch die große Revolution an die Seele; Wünsche, Hoffnungen, Aussichten, alles wechselte; die alten rohen Vergnügungen wurden verworfen, feinere traten an ihre Stelle; die vorher nur in dem lauten Gewühl der Gesellschaft, bei Spiel und Wein, vergnügt waren, überließen sich jetzt gern in der Einsamkeit ihren stillen Gefühlen; statt der abenteuerlichen Ritterromane, ward eine simple Erzählung von Lafontaine, oder ein erhebendes Lied von Hölty die Lieblingslektüre; nicht mehr wild mit dem Pferde strichen sie über die Landstraßen, still und einsam besuchten sie schattige Ufer, oder freie Hügel, und lernten Genüsse kennen, von deren Dasein sie sonst nichts ahndeten; tausend schlummernde Gefühle erwachten, unter ihnen die Wohltätigkeit meistens am lebhaftesten; wo ein Hülfloser lag, da gingen sie, ihm zu helfen; wo ein Auge in Tränen stand, da eilten sie, sie zu trocknen; alles was schön ist und edel und gut und groß, das faßten sie mit offner, empfänglicher Seele auf, es darzustellen in sich; ihr Herz erweiterte sich, die Seele hob sich ihnen unter der Brust, sie umfaßten irgend ein Ideal, dem sie sich verähnlichen wollten - Ich selbst hatte etwas Ähnliches an mir erfahren; und nun mußte ich mich wohl bei Dir fragen: Warum - warum -? Das war meine erste Frage; und die zweite: liebt sie mich etwa nicht? War doch meine erste Ahndung, daß sie mich nur zu lieben glaubt, weil ich sie liebe, gegründet -?

Das, liebes Mädchen, war, im Vorbeigehn gesagt, die eigentliche Ursache meiner Traurigkeit an jenem Abende. Damals wollte und konnte ich sie Dir nicht sagen, und auch jetzt würde ich sie Dir verschwiegen haben, wenn Du mir den Gedanken nicht selbst aus der Seele genommen hättest. Du selbst fühlst nun, daß Dir eine Epoche bevorstehe, und ich ahnde mit unaussprechlicher Freude, daß es die Liebe ist, die sie Dir eröffnet.

Unsre Väter und Mütter und Lehrer schelten immer so erbittert auf die Ideale, und doch gibt es nichts, das den Menschen wahrhaft erheben kann, als sie allein. Würde wohl etwas Großes auf der Erde geschehen, wenn es nicht Menschen gäbe, denen ein hohes Bild vor der Seele steht, das sie sich anzueignen bestreben? Posa würde seinen Freund nicht gerettet, und Max nicht in die schwedischen Haufen geritten sein. Folge daher nie dem dunkeln Triebe, der immer nur zu dem Gemeinen führt. Frage Dich immer in jeder Lage Deines Lebens ehe Du handelst: wie könntest Du hier am edelsten, am schönsten, am vortrefflichsten handeln?- und was Dein erstes Gefühl Dir antwortet, das tue. Das nenne ich das Ideal, das Dir immer vorschweben soll.

Aber wenn Deine Seele diese Gedanken bestätigt, so gibt es doch noch mehr für Dich zu tun - Weißt Du, welchen Erfolg an jenem vorletzten Abend Dein guter, vernünftiger Rat hatte, doch zuweilen mit Deinem Vater ein wenig zu sprechen? Ich tat es auf der Stelle.

Daß Du endlich auch jenen guten Rat mit dem Tagebuche befolgst, freut mich herzlich, und ich verspreche Dir davon im voraus viel Gutes. An dem meinigen arbeite ich auch fleißig und aufmerksam, und gelegentlich können wir sie einmal, wenigstens stellenweise, austauschen.

Ich eile zum Schlusse, liebes Minchen, denn es ist spät, und morgen früh kann ich nicht schreiben.

Deine Gefühle auf dem Universitätsberge, Deine Erinnerung an mich, Deine Gedanken bei dem trocknen Fußsteige, der neben dem beschwerlichen Pfad unbetreten blieb, sind mir wie Perlen, die ich in Gold fassen möchte.

Hier noch einige Nüsse zum Knacken.

1. Wenn die Flamme sich selbst den Zugwind verschafft und so immer höher herauflodert, inwiefern ist sie mit der Leidenschaft zu vergleichen?

2. Wenn der Sturm kleine Flammen auslöscht, große aber noch größer macht, inwiefern ist er mit dem Unglück zu vergleichen?

3. Wenn du den Nebel siehst, der andere Gegenstände verhüllt, aber nicht den, der Dich selbst umgibt, womit ist das zu vergleichen?

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Schreibe bald und lang und oft, Du weißt, warum? H. K.

Nachschrift, den 12. Januar 1801

Als ich eben diesen Brief einsiegeln wollte, reichte mir Carl das Versprochne. Liebe Wilhelmine, ich küsse Dich. Das Ideal, das Du für mich in Deiner Seele trägst, macht Dich dem ähnlich, das ich für Dich in der meinigen trage. Wir werden glücklich sein, Wilhelmine - o fahre fort mir diese Hoffnung immer gewisser und gewisser zu machen. Schenke mir oft einen solchen, oder ähnlichen Aufsatz, der mir, wenn er so unerwartet kommt, wie dieser, das Vergnügen seiner Lesung verdoppelt. Es atmet in dieser Schrift, ein Ernst, eine Würde, eine Ruhe, eine Bescheidenheit, die mich mit unbeschreiblicher Freude erfüllt, wenn ich sie mir an Deinem Wesen denke. - Hat Carl vielleicht noch einen Aufsatz bei sich, den er mir erst heute abend, oder morgen früh geben wird --?


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