Brief 1801-04-09

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Berlin, 9. April 1801

Absender: Heinrich von Kleist

Adressat: Wilhelmine von Zenge


Berlin, den 9. April 1801

Liebe Wilhelmine! Meine teure, meine einzige Freundin! Ich nehme Abschied von Dir! - Ach, mir ist es, als wäre es auf ewig! Ich habe mich wie ein spielendes Kind auf die Mitte der See gewagt, es erheben sich heftige Winde, gefährlich schaukelt das Fahrzeug über den Wellen, das Getöse übertönt alle Besinnung, ich kenne nicht einmal die Himmelsgegend, nach welcher ich steuern soll, und mir flüstert eine Ahndung zu, daß mir mein Untergang bevorsteht -

Ach, ich weiß es, diese Zeilen sind nicht dazu gemacht, Dir den Abschied zu erleichtern. Aber willst Du nicht mitempfinden, wenn ich leide? O gewiß! Wärst Du sonst meine  F r e u n d i n ?

Ich will Dir erzählen, wie in diesen Tagen das Schicksal mit mir gespielt hat.

Du kennst die erste Veranlassung zu meiner bevorstehenden Reise. Es war im Grunde nichts, als ein innerlicher Ekel vor aller wissenschaftlichen Arbeit. Ich wollte nur nicht müßig die Hände in den Schoß legen und brüten, sondern mir lieber unter der Bewegung einer Fußreise ein neues Ziel suchen, da ich das alte verloren hatte, und zurückkehren, sobald ich es gefunden hätte. Die ganze Idee der Reise war also eigentlich nichts, als ein großer Spaziergang. Ich hatte aber Ulriken versprochen, nicht über die Grenzen des Vaterlandes zu reisen, ohne sie mitzunehmen. Ich kündigte ihr daher meinen Entschluß an. Als ich dies aber tat, hoffte ich zum Teil, daß sie ihn wegen der großen Schnelligkeit und der außerordentlichen Kosten nicht annehmen würde, teils fürchtete ich auch nicht, daß, wenn sie ihn annähme, dieser Umstand die eigentliche Absicht meiner Reise verändern könnte. Doch höre wie das blinde Verhängnis mit mir spielte. Ich erkundigte mich bei verschiedenen Männern, ob ich Pässe zur Reise haben müßte. Sie sagten mir, daß wenn ich allein auf der Post reisete, ich mit meiner Studentenmatrikel wohl durchkommen würde; in Gesellschaft meiner Schwester aber und eines Bedienten müßte ich durchaus einen Paß haben, weil sonst diese Reise eines Studenten mit seiner unverheirateten Schwester gewiß auffallen würde, wie ich selbst fürchte. Pässe waren aber nicht anders zu bekommen, als bei dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Herrn v. Alvensleben, und auch bei diesem nicht anders, als wenn man einen hinreichenden Zweck zur Reise angeben kann. Welchen Zweck sollte ich aber angeben? Den wahren? konnte ich das? Einen falschen? durfte ich das? - Ich wußte nun gar nicht, was ich tun sollte. Ich war schon im Begriff, Ulriken die ganze Reise abzuschreiben, als ich einen Brief bekam, daß sie in 3 Tagen hier schon eintreffen würde. Vielleicht, dachte ich nun, läßt sie sich mit einer kleineren Reise begnügen, und war schon halb und halb willens ihr dies vorzuschlagen; aber Carl hatte schon an so viele Leute so viel von meiner Reise nach Paris erzählt, und ich selbst war damit nicht ganz verschwiegen gewesen, so daß nun die Leute schon anfingen, mir Aufträge zu geben - - sollte sich nun mein Entschluß auf einmal wie ein Wetterhahn drehen? - Ach, Wilhelmine, wir dünken uns frei, und der Zufall führt uns allgewaltig an tausend feingesponnenen Fäden fort. Ich mußte also nun reisen, ich mochte wollen oder nicht, und zwar nach Paris, ich mochte wollen oder nicht. Ich erzählte Carln diese ganze seltsame Veränderung meiner Lage, er tröstete mich, und sagte, ich möchte mich jetzt nur in die Verhältnisse fügen, er hoffte, es würde vielleicht recht gut werden, und besser, als ich es glaubte. Denn das ist sein Glaube, daß wenn uns das Schicksal einen Strich durch die Rechnung macht, dies grade oft zu unserm Besten ausfalle. Darf ich es hoffen -? - Ich mußte also nun auch Pässe fordern. Aber welchen Zweck sollte ich angeben? - Ach, meine liebe Freundin, kann man nicht in Lagen kommen, wo man selbst mit dem besten Willen doch etwas tun muß, was nicht ganz recht ist? Wenn ich nicht reisete, hätte ich da nicht Ulriken angeführt? Und wenn ich reisete, und also Pässe haben mußte, mußte ich da nicht etwas Unwahres zum Zwecke angeben? - Ich gab also denjenigen Zweck an, der wenigstens nicht ganz unwahr ist, nämlich auf der Reise zu lernen (welches eigentlich in meinem Sinne ganz wahr ist) oder wie ich mich ausdrückte: in Paris zu studieren, und zwar Mathematik und Naturwissenschaft - - Ach, Wilhelmine, ich studieren? In dieser Stimmung? - - Doch es mußte so sein. Der Minister, und alle Professoren und alle Bekannten wünschen mir Glück - am Hofe wird es ohne Zweifel bekannt - soll ich nun zurückkehren über den Rhein, so wie ich hinüberging? Habe ich nicht selbst die Erwartung der Menschen gereizt? Werde ich nun nicht in Paris im Ernste etwas lernen müssen? Ach, Wilhelmine, in meiner Seele ziehen die Gedanken durcheinander, wie Wolken im Ungewitter. Ich weiß nicht, was ich tun und lassen soll - alles, was die Menschen von meinem Verstande erwarten, ich kann es nicht leisten. Die Mathematiker glauben, ich werde dort Mathematik studieren, die Chemiker, ich werde von Paris große chemische Kenntnisse zurückbringen - und doch wollte ich eigentlich nichts, als allem Wissen entfliehen. Ja ich habe mir sogar Adressen an französische Gelehrte müssen mitgeben lassen, und so komme ich denn wieder in jenen Kreis von kalten, trocknen, einseitigen Menschen, in deren Gesellschaft ich mich nie wohl befand. - Ach liebe Freundin, ehemals dachte ich mit so großer Entzückung an eine Reise - jetzt nicht. Ich versprach mir sonst so viel davon - jetzt nicht. Ich ahnde nichts Gutes - Ich hatte eine unbeschreibliche Sehnsucht Dich noch einmal zu sehen, und war schon im Begriff Dir selbst zu Fuße das Bild zu bringen. Aber immer ein neues Verhältnis und wieder ein neues machte es mir unmöglich. Ja, hätte mir Carl sein Pferd gegeben, ich hätte Dich doch noch einmal umarmt; aber er wollte und konnte auch nicht.

Und so lebe denn wohl! - Ach, Wilhelmine, schenkte mir der Himmel ein grünes Haus, ich gäbe alle Reisen, und alle Wissenschaft, und allen Ehrgeiz auf immer auf! Denn nichts als Schmerzen gewährt mir dieses ewig bewegte Herz, das wie ein Planet unaufhörlich in seiner Bahn zur Rechten und zur Linken wankt, und von ganzer Seele sehne ich mich, wonach die ganze Schöpfung und alle immer langsamer und langsamer rollenden Weltkörper streben, nach Ruhe!

Liebe Wilhelmine, Deine Eltern werden die Köpfe schütteln, Ahlemann wird besorgt sein, die Mädchen werden flüstern - wirst Du irgend jemandem jemals mehr Glauben beimessen, als mir? O dann, dann wärest Du meiner nicht wert! Denn diesen ganzen innerlichen Kampf, der eigentlich unsre Liebe gar nichts angeht, hat unaufhörlich der Wunsch, einst in Deinen Armen davon auszuruhen, unterbrochen; und hell und lebendig ist in mir das Bewußtsein, daß ich schnell lieber den Tod wählen möchte, als durch das ganze Leben das Gefühl, Dich betrogen zu haben, mit mir herum zu schleppen.

Ich werde Dir oft schreiben. Aber es mögen Briefe ausbleiben so lange sie wollen, Du wirst immer überzeugt sein, daß ich alle Abend und alle Morgen, wenn nicht öfter, an Dich denke. Dasselbe werde ich von Dir glauben. Also niemals Mißtraun oder Bangigkeit. Vertrauen auf uns, Einigkeit unter uns!

Und nun noch ein paar Aufträge. Beifolgendes Bild konnte ich, wegen Mangel an Geld, das ich sehr nötig brauche, nicht einfassen lassen. Tue Du es auf meine Kosten. Einst ersetze ich sie Dir. Möchtest Du es ähnlicher finden, als ich. Es liegt etwas Spöttisches darin, das mir nicht gefällt, ich wollte er hätte mich ehrlicher gemalt - Dir zu gefallen, habe ich fleißig während des Malens gelächelt, und so wenig ich auch dazu gestimmt war, so gelang es mir doch, wenn ich an Dich dachte. Du hast mir so oft mit der Hand die Runzeln von der Stirn gestrichen, darum habe ich in dem Gemälde wo es nicht möglich war dafür gesorgt, daß es auch nicht nötig war. So, ich meine so freundlich, werde ich immer aussehen, wenn wenn - - o Gott! W a n n? - Küsse das Bild auf der Stirn, da küsse ich es jetzt auch.

Der zweite Auftrag ist dieser, mir anzukündigen, ob ich Dir 73 Rth., oder etwas weniger schuldig bin. Carl meint, ich hätte Dir schon etwas bezahlt, aber ich weiß von nichts. Schreibe mir dies, auch ob ich das Geld der Randow oder Carl geben oder Dir selbst überschicken soll.

Und nun lebe wohl. - Wenn Du mir gleich antwortest, so trifft mich Dein Brief noch in Berlin. Dann werde ich Dir zwar nicht mehr von hier, aber doch vielleicht schon von Potsdam schreiben.

Lebe wohl - Grüße alles, wenigstens Louise, der Du alle meine Briefe zeigen kannst. Mache wenn Du willst überhaupt gar kein Geheimnis mehr aus unsrer Liebe, trage das Bild öffentlich, ich selbst habe es hier bei Clausius, der Glogern, Ulrike etc. etc. gezeigt, und alle wissen, für wen es bestimmt war. Nenne mich Deinen Geliebten, denn ich bin es - und lebe wohl, lebe wohl - lebe wohl - Behalte mich lieb in Deinem innersten Herzen, bleibe treu, traue fest auf mich - lebe wohl - lebe wohl - Heinrich.

(Schicke mir doch das Bildfutteral sogleich zurück, denn es gehört zu Deinem Bilde.)


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