Brief 1801-06-28

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Straßburg, 28. Juni 1801

Absender: Heinrich von Kleist

Adressat: Wilhelmine von Zenge


A Mademoiselle Mademoiselle Wilhelmine de Zenge à Frankfort sur l'Oder, franc.</p>

Straßburg, den 28. Juni 1801

Liebe Wilhelmine, ich habe wieder in Mannheim und in Straßburg vergebens nach Briefen von Dir gefragt, und weiß nun seit 5 Wochen nicht wie Du Dich befindest, wie Du lebst, was Du tust, nichts, als daß Du mich liebst. Diese Nachricht bleibt treuen Liebenden nie aus, und ich hoffe, Du wirst sie auch von mir empfangen haben. Täglich habe ich mit der alten Innigkeit an Dich gedacht, und jede einsame Stunde benutzt, meine Wünsche im Traume zu erfüllen - Im Traume - denn in der Wirklichkeit - - Ach Wilhelmine, wird es nicht einst einen Augenblick geben, wo wir uns in die Arme drücken und rufen werden: endlich - endlich sind wir glücklich -? -

- Ich muß von andern Dingen reden. - Ich wollte Dir heute von Straßburg aus einen recht langen Brief schreiben, wozu ich auch so ziemlich gestimmt war. Aber höre, auf welche Art Du um diesen langen Brief gekommen bist. Man hat uns hier so viel von den Friedensfesten die am 14. Juli in Paris gefeiert werden sollen vorerzählt, daß wir uns entschlossen haben, die Schweiz im Stiche zu lassen, und direkt nach Paris zu gehen. Nun aber dürfen wir keinen Tag verlieren, um zur rechten Zeit hinzukommen. Wir reisen also in einer Stunde schon ab, und ich nutze diese Frist bloß, um Dir im kurzen einige Nachricht von mir zu geben. Sobald in Paris das Friedensfest vorbei ist, schreibe ich Dir gleich, und zwar einen langen Brief - Ach, Wilhelmine, von der einen Seite ist es mir lieb, endlich einmal wieder ein wenig zur Ruhe zu kommen, von der andern ist es mir, als ob sich mein Herz vor der Stadt, die ich betreten soll, sträubte - Noch habe ich von den Franzosen nichts, als ihre Greuel und ihre Laster kennen gelernt - Und die Toren werden denken, man komme nach Paris, um ihre Sitten abzulernen! Als ich in Halberstadt bei Gleim war, trauerte er, daß ich nach Frankreich ginge. Auf meine Frage: warum? antwortete er: weil ich ein Franzose werden würde. Ich versprach ihm aber, als ein Deutscher zurück zu kehren. - Doch ich muß eilen, der Koffer ist eingepackt. Schreibe mir sogleich nach Paris: A Mon. de Kleist, ci-devant lieut. au reg. des gardes prussiennes, poste-restante, recht viel von Dir, aber auch etwas von den Freunden. Du bist die einzige, von der ich Briefe empfange aus meinem Vaterlande. Adieu, Dein treuer Heinrich.




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