Brief 1801-10-27

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Paris, 27. Oktober 1801

Absender: Heinrich von Kleist

Adressat: Wilhelmine von Zenge


A Mademoiselle Mademoiselle de Zenge l'ainée à Francfort sur l'Oder en Allemagne.

Paris, den 27. Oktober 1801

Liebe Wilhelmine, Du wirst ohne Zweifel schon meinen letzten Brief, in welchem ich Dir meinen Plan für die Zukunft mitteilte, nämlich mich in der Schweiz anzukaufen, empfangen haben. Was sagst Du dazu? Freiheit, die edelste Art der Arbeit, ein Eigentum, ein Weib - ach, liebes Mädchen, für mich ist kein Los wünschenswerter, als dieses. Aber auch für Dich? Stelle Dir Deine Lage nicht so reizlos vor. Sie ist es freilich für jeden dem der rechte Sinn fehlt. Aber darf ich das von Dir fürchten? Bist Du an Pracht und Verschwendung gewöhnt? Sind die Vergnügungen des Stadtlebens nicht auch flache Freuden für Dich? Kann Deine Seele sie genießen? Und bleibt nicht immer noch ein Wunsch unerfüllt, den nur allein eine solche Zukunft, wie ich sie Dir bereite, erfüllen kann? - Liebe Wilhelmine, ich habe, Deine Einbildungskraft nicht zu bestechen, in meinem letzten Briefe Dich gebeten, für die erste Zeit meinen Plan nur an seiner weniger reizenden Seite zu prüfen. Aber nun stelle Dir auch einmal seine reizende vor, und wenn Du mit dem rechten Sinn Vorteile und Nachteile abwägst, o tief, tief sinkt die Schale des Glückes. Höre mich einmal an, oder vielmehr beantworte mir diese eine Frage: Welches ist das höchste Bedürfnis des Weibes? Ich müßte mich sehr irren, wenn Du anders antworten könntest, als: die Liebe ihres Mannes. Und nun sage mir, ob irgend eine Lage alle Genüsse der Liebe so erhöhen, ob irgend ein Verhältnis zwei Herzen so fähig machen kann, Liebe zu geben und Liebe zu empfangen, als ein stilles Landleben? - Glaubst Du daß sich die Leute in der Stadt lieben? Ja, ich glaube es, aber nur in der Zeit, wo sie nichts Besseres zu tun wissen. Der Mann hat ein Amt, er strebt nach Reichtum und Ehre, das kostet ihm Zeit. Indessen würde ihm doch noch einige für die Liebe übrig bleiben. Aber er hat Freunde, er liebt Vergnügungen, das kostet ihm Zeit. Indessen würde ihm doch noch einige für die Liebe übrig bleiben. Aber wenn er in seinem Hause ist, so ist sein zerstreuter Geist außer demselben, und so bleiben nur ein paar Stunden übrig, in welchem er seinem Weibe ein paar karge Opfer bringt - Etwas Ähnliches gilt von dem Weibe, und das ist ein Grund, warum ich das Stadtleben fürchte. Aber nun das Landleben! Der Mann arbeitet; für wen? Für sein Weib. Er ruht aus; Wo? bei seinem Weibe. Er geht in die Einsamkeit; wohin? zu seinem Weibe. Er geht in Gesellschaften; wohin? zu seinem Weibe. Er trauert; wo? bei seinem Weibe. Er vergnügt sich; wo? bei seinem Weibe. Das Weib ist ihm alles - und wenn ein Mädchen ein solches Los ziehen kann, wird sie säumen? - Ich sehe mit Sehnsucht einem Briefe von Dir entgegen. Deine Antwort auf meinen letzten Brief wird mich schwerlich noch in Paris treffen. Ich habe überlegt, daß es sowohl meines Vermögens, als der Zeit wegen notwendig sei, mit der Ausführung meines Planes zu eilen. Überdies fesselt mich Paris durch gar nichts, und ich werde daher noch vor dem Winter nach der Schweiz reisen, um den Winter selbst für Erkundigungen und Anstalten zu nutzen. - Sei nicht unruhig. Deine Einstimmung ist ein Haupterfordernis. Ich werde nichts Entscheidendes unternehmen, bis ich Nachricht von Dir erhalten habe. Auch wenn aus der Ausführung dieses Planes nichts werden sollte, ist es mir doch lieb aus dieser Stadt zu kommen, von der ich fast sagen möchte, daß sie mir ekelhaft ist. - Schreibe mir also sogleich nach Bern, und solltest Du mir auch schon nach Paris geschrieben haben. Ich werde mir diesen Brief nachschicken lassen. - Mit Ulriken hat es mir große Kämpfe gekostet. Sie hält die Ausführung meines Planes nicht für möglich, und glaubt auch nicht einmal, daß er mich glücklich machen wird. Aber ich hoffe sie von beiden durch die Erfahrung zu überzeugen. - So gern sie auch die Schweiz sehen möchte, so ist es doch im Winter nicht ratsam. Sie geht also nach Frankfurt zurück, ich begleite sie bis Frankfurt am Main. - Aber dies alles, liebe Wilhelmine, mußt Du aufs sorgfältigste verschweigen; sage auch noch Deinem Vater nichts von meinem Plane, er soll ihn erst erfahren, wenn er ausgeführt ist. Auch bei uns sage nichts, von dem ganzen Inhalt dieses Briefes. Sie möchten sich seltsame Dinge vorstellen, und es ist genug, daß Du im voraus von allem unterrichtet bist. Ulrike wird sie überraschen, und es ihnen beibringen. - Lebe wohl, und wünsche mir Glück. Ich kann nicht länger schreiben, denn der Brief muß auf die Post. - Schreibe Carln, daß er sich gefaßt machen möchte, seinen Johann wieder aufzunehmen. Ende Novembers ist er in Frankfurt a. Oder. H. K.


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