Brief 1802-02-01

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Thun, 1. Februar 1802

Absender: Heinrich von Kleist

Adressat: Heinrich Zschokke


An den Bürger Regierungs-Statthalter Zschokke zu Bern, in der Gerechtigkeitsgasse neben dem Café Italien.

Thun, den 1. Februar 1802

Mein lieber Zschokke, suchen Sie nur gleich das Ende des Briefes, wenn Sie nicht Zeit haben, mehr als das Wesentliche desselben zu lesen. Da will ich alles, was ich für Sie (oder eigentlich für mich) auf dem Herzen trage, registerartig unter Nummern bringen. Vorher aber noch ein paar Worte Geschwätz, wie unter Liebenden.

Ich kann erst in etwa zwei Wochen aufs Land ziehen, wegen eines Mißverständnisses, das zu weitläufig und zu nichtbedeutend wäre, um Sie damit zu unterhalten. Ich wohne also in Thun, nahe am Tore - übrigens kann man hier nicht wohl anders wohnen. Ich gehe häufig aufs Land, besehe noch mehrere Güter, mache es aber, nach Ihrem Rate, in allen Stücken wie der berühmte Cunctator. Indessen gestehe ich, daß mich mancherlei an dem Ihnen schon beschriebenen Gute zu Gwat reizt, besonders der Umstand, daß es kein Haus hat, welches mir die Freiheit gibt, mir eines a priori zu bauen. Auch ist es so gut wie gewiß daß der Besitzer mit 24 000 Pfund zufrieden sein wird. Leute, unparteiische, meinen, unter diesen Umständen sei das Gut weder zu teuer, noch besonders wohlfeil, und grade das könnte den Kauf beschleunigen, denn es flößt mir Vertrauen ein. Überdies hat der Mann eines von den Gesichtern, denen ich zu trauen pflege, man mag die Physiognomik schelten, so viel man will. Damit will ich sagen, daß ich so ziemlich gesinnt sei, fortan dem eignen Lichte zu folgen. Denn zuletzt muß man doch in der Welt an Rechtschaffenheit glauben, und alles Fragen um Meinung und Rat kann uns davon nicht erlösen, weil wir doch wenigstens an die Rechtschaffenheit dessen glauben müssen, den wir um Rat fragen. - Wie stehts mit Ihrer Lust zum Landleben? Wie stehts mit der Schweizer Regierung? Denn das hängt zusammen, und inniger als Sie mir gesagt haben. Immer hoffe ich noch, Sie einmal irgendwo im Staate wieder an der Spitze zu sehen, und nirgends, dünkt mich, wären Sie mehr an Ihrer Stelle, als da. - Was mich betrifft, wie die Bauern schreiben, so bin ich, ernsthaft gesprochen, recht vergnügt, denn ich habe die alte Lust zur Arbeit wiederbekommen. Wenn Sie mir einmal mit Geßnern die Freude Ihres Besuchs schenken werden, so geben Sie wohl acht auf ein Haus an der Straße, an dem folgender Vers steht: »Ich komme, ich weiß nicht, von wo? Ich bin, ich weiß nicht, was? Ich fahre, ich weiß nicht, wohin? Mich wundert, daß ich so fröhlich bin.« - Der Vers gefällt mir ungemein, und ich kann ihn nicht ohne Freude denken, wenn ich spazieren gehe. Und das tue ich oft und weit, denn die Natur ist hier, wie Sie wissen, mit Geist gearbeitet, und das ist ein erfreuliches Schauspiel für einen armen Kauz aus Brandenburg, wo, wie Sie auch wissen, der Künstler bei der Arbeit eingeschlummert zu sein scheint. Jetzt zwar sieht auch hier unter den Schneeflocken die Natur wie eine 80jährige Frau aus, aber man sieht es ihr doch an, daß sie in ihrer Jugend schön gewesen sein mag. - Ihre Gesellschaft vermisse ich hier sehr, denn außer den Güterverkäufern kenne ich nur wenige, etwa den Hauptm. Muelinen und seinen Hofmeister, angenehme Männer. Die Leute glauben hier durchgängig, daß ich verliebt sei. Bis jetzt aber bin ich es noch in keiner Jungfrau, als etwa höchstens in die, deren Stirne mir den Abendstrahl der Sonne zurückwirft, wenn ich am Ufer des Thuner Sees stehe. - Nun genug des Geschwätzes. Hier folgen die Bitten.

I. Ich bitte dem Überbringer dieses, Fuhrmann Becher, den Koffer aus Basel, wenn er im Kaufhause angelangt sein sollte, zu übergeben.

II. Ihn in meine ehemalige Wohnung zu schicken, wo er noch einen Koffer, einen Rock, und einige Wäsche in Empfang nehmen soll.

III. Ihn zu Geßnern zu schicken, wo er die bestellten Bücher übernehmen soll.

IV. Dem Knaben, der mir aufwartete, zu sagen, daß er sich bei dem Hutmacher, der Geßnern gegenüber wohnt, meinen alten von mir dort abgelegten Hut holen soll.

V. Mich unaufhörlich herzlich zu lieben, wie in der ersten Stunde unsres Wiedersehens. Heinrich Kleist.


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