Brief 1802-03-02

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Thun, 2. März 1802

Absender: Heinrich von Kleist

Adressat: Heinrich Zschokke


An den Bürger Statthalter Zschokke zu Bern.

Thun, den 2. März 1802

Mein lieber Zschokke, ich habe Ihren Brief aus Aarau erhalten, und mit Freude zugleich, und mit Erstaunen, vernommen, daß Sie wirklich mit sichrer Hand das Schiff Ihres Lebens fort von den Küsten der politischen Welt in den Hafen der philosophischen Ruhe führen. Denn niemals (ich darf es Ihnen selbst frei gestehn) habe ich an den Ernst Ihres Wunsches geglaubt, und erst jetzt fühle ich in Ihrer Seele, wie gegründet er sein mag, da eine Nacht der Verwirrung über Ihr unglückliches Vaterland hereinzubrechen droht. Es bedarf wohl nicht der Erklärung, daß ich hierbei an den Allerwelts-Konsul, an den Cousin de la Suisse (weil er sich so hoch mit der Verwandtschaft rühmt) denke. Mich erschreckt die bloße Möglichkeit, statt eines Schweizer Bürgers durch einen Taschenspielerskunstgriff ein Franzose zu werden. Sie werden von den Unruhen im Simmetal gehört haben, es sind bereits Franzosen hier eingerückt, und nicht ohne Bitterkeit habe ich ihrem Einzuge beigewohnt. Ist es denn wahr, daß sie auch das pays de Vaud in Besitz genommen? - Unter diesen Umständen denke ich nicht einmal daran, mich in der Schweiz anzukaufen. Ich habe mir eine Insel in der Aare gemietet, mit einem wohleingerichtet Häuschen, das ich in diesem Jahre bewohnen werde, um abzuwarten, wie sich die Dissonanz der Dinge auflösen wird. Ich werde in einigen Wochen einziehen, vorher aber noch, Geschäfte halber, auf ein paar Tage nach Bern kommen. Schreiben Sie mir doch ja, ich bitte Sie, wie weit Sie mit Ihrem Kaufe in Richtigkeit sind. Jetzt denke ich mehr als jemals an eine Zukunft in Ihrer Nachbarschaft, wenn überhaupt das Schicksal mir eine Freistätte in der Schweiz bereitet. Nächstens mündlich mehr davon. Leben Sie recht wohl, und grüßen Sie das Geßnersche Haus, das ich sehr ehre und liebe.

Heinrich Kleist.

N.S. Hierbei erfolgen 7 schuldige Batzen. - Wenn Sie doch gelegentlich einmal im Hôtel de Musique das letzte Mittagsessen bezahlen wollten, nur eines, das ich dort schuldig geblieben bin.


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