Brief 1802-03-18

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Thun, 18. März 1802

Absender: Heinrich von Kleist

Adressat: Ulrike von Kleist


Thun, den 18. März 1802

Mein bestes Ulrickchen, ich habe das Geld empfangen und bin untröstlich, daß mein Brief zu spät angelangt ist. Ich dachte immer, daß Du doch auf jeden Fall aus den Zeitungen die Lage der Schweiz kennen und daraus ersehen würdest, daß es jetzt gar nicht einmal möglich sei, sich mit Sicherheit anzukaufen. Denn kaum hatte ich meinen letzten Brief, in welchem ich Dir von den Züricher Unruhen schrieb, abgeschickt, so entstand sogar 1 1/2 Stunde von hier, im Simmetal, ein Aufruhr unter den Bauern, worauf sogleich ein französischer General mit Truppen in Thun selbst einrückte. Es ist fast so gut wie ausgemacht, daß dies unglückliche Land auf irgend eine Art ein Opfer der französischen Brutalität wird, und ich weiß aus sichern Händen, daß die Schweizer Regierung, die bisher immer noch laviert hat, auf dem Punkte ist, sich ganz unzweideutig gegen die Franzosen zu erklären. Die Erbitterung der Schweizer gegen diese Affen der Vernunft ist so groß, daß jede andere Leidenschaft weicht, und daß die heftigsten Köpfe der Parteien durch den Würfel entscheiden lassen, wer sich in die Meinung des andern fügen soll, bloß um, wie schmollende Eheleute, sich gegen den Dieb zu wehren, der einbricht. Ein Krieg also steht wahrscheinlicher Weise diesem Lande schon in diesem Sommer bevor - doch ich habe Dir meine Gründe schon weitläufiger in meinem letzten Briefe entwickelt. Jetzt nur davon, was soll ich mit dem Gelde anfangen? Ich bin so beschämt durch meine Übereilung und Deine unendliche Güte, daß ich gar nicht weiß, was ich Dir sagen soll. In Deinem Briefe ist so unendlich viel und mancherlei zu lesen, ob es gleich darin nicht geschrieben steht, daß ich immer wechselnd bald mit Entzückern* an Dich, bald mit Widerwillen an mich denke. Nun, von der einen Seite, mein bestes Mädchen, kann ich jetzt Dich beruhigen, denn wenn mein kleines Vermögen gleich verschwunden ist, so weiß ich jetzt doch wie ich mich ernähren kann. Erlaß mir das Vertrauen über diesen Gegenstand, Du weißt, warum? - Kurz, ich brauche nichts mehr, als Gesundheit, die mir eben auf ein paar Tage gefehlt hat. - Schreibe mir nur, wie ich es mit dem Gelde halten soll, und ob Du Dich auf irgend eine Art an dem Hause schadlos halten kannst. Noch habe ich den Wechsel nicht eingelöset, werde heute nach Bern, und läßt es sich machen, so bleibt das Geld fern von meinen unsichern Händen, bis Du bestimmst, was damit geschehen soll. - Kannst Du Dich an dem Hause schadlos halten, so ist mirs auf jeden Fall lieb das Geld zu besitzen, das ich auf diese Art zu jeder Zeit und Gelegenheit brauchen kann. Schreibe mir bald, grüße die lieben Verwandten, und bald erhältst Du einen recht frohen Brief von Deinem Dir herzlich guten Bruder Heinrich.

* Entzücken? - Fällt Dir nichts ein? --- Mir ist das ganze vergangne Jahr wie ein Sommernachtstraum. - Schreibe mir doch, ob sich Johann eingefunden? Hat auch die Lalande geschrieben?


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