Brief 1803-04-00

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Dresden, April 1803

Absender: Heinrich von Kleist

Adressat: Heinrich Lohse


[Dresden, April 1803]

Mein lieber Lohse, ich bin seit einigen Tagen in Dresden, und habe das ganze Schl[iebensche] Haus voller Besorgnisse um Dein Schicksal gefunden, weil Du seit so vielen Monaten nicht geschrieben hast. Es ist kein Übel der Erde, unter welchem Dich C[aroline] im Geiste nicht seufzen und erliegen sieht. Bald ist es ihr am wahrscheinlichsten, daß Du krank, bald, daß Du ihr untreu seist etc. Möglich ist, daß die Wahrheit auf eine gewisse Art zwischen inne liegt. Es kann sein, daß Du in einem Augenblick der Hoffnungslosigkeit Dich entschlossen hast, Dein Schicksal von dem Schicksal dieses armen Mädchens zu trennen. Sollte dies der Fall sein, und sollte Trennung von ihr ein Mittel sein, um mit freierer Bewegung Deiner Kräfte wenigstens Dir allein ein erträgliches Los zu erringen (Du verstehst mich), so setze, wie Du es angefangen hast, Dein Stillschweigen fort, und ich will, während meines Hierseins, alles Mögliche tun, um den großen Schmerz, der dieses arme Mädchen dann allerdings träfe, zu mildern. Wenn Du aber zu Deinen Kräften noch ein klein wenig Mut spürst, o mein lieber Lohse, so laß Dir sagen, daß keine Arbeit Dich schrecken muß, die dies vortrefflichste der Mädchen Dir gewinnen kann. Nach meiner (allerdings unvollständigen) Ansicht der Dinge scheint mir die Schweiz immer noch der Ort zu sein, an welchem Du Dein Talent am frühesten und sichersten gelten machen kannst. C[aroline] ist überdies auf dem Wege eine echte Künstlerin zu werden, und wird einst mehr als Dich unterstützen können. Solltest Du aber nicht Dir zutrauen, die Schweizer Maler zu verdrängen (welches Du allerdings darfst und kannst), so kannst Du wahrhaftig nichts Beßres tun, als in Dein Vaterland zurückzukehren, unter Menschen, die Dich lieben, mit Dir verwandt sind, oder wenigstens Deine Sprache verstehn. Deine Pläne mögen aber sein, welche sie wollen, so teile sie Deinem Freunde mit, und scheue Dich nicht, jede Hülfe von ihm zu fordern, die er Dir leisten kann. Ich werde noch einige Zeit, vielleicht einen Teil des Sommers, in Dresden bleiben, und hier wird mich auf jeden Fall Dein Brief finden. Mein Schicksal nähert sich einer Krise, ist sie glücklich, so werden mir Mittel genug zu Gebote stehen, um Dir zu helfen. H. K.


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