Brief 1803-07-20

Aus KleistDaten
Wechseln zu: Navigation, Suche

Leipzig, 20. Juli 1803

Absender: Heinrich von Kleist

Adressat: Ulrike von Kleist


Meine teuerste Ulrike,

Pfuels eigner Vorteil bei meiner Begleitung in die Schweiz ist zu groß, als daß ich jetzt zurücknehmen sollte, was ich unter andern Umständen versprach. Er würde immer noch die Reisekosten für mich bezahlen, um mich nur bei sich zu sehen; und da ich doch einmal in meinem Vaterlande nicht, nicht an Deiner Seite leben kann, so gestehe ich, daß mir selber für jetzt kein Platz auf der Erde lieber, und auch nützlicher ist, als der an der seinigen. Laß mich also nur mit ihm gehen.

Ich bin wirklich immer, Eurer Rückreise wegen, in Sorgen gewesen, und werde es auch bleiben, bis ich Nachrichten von Dir empfange. Das kann aber doch nicht eher sein, als in Bern, und dahin adressiere Deinen Brief. Ich selber werde jetzt oft, und mit Vergnügen an Euch schreiben. Seit ich Euch in Dresden sah, scheint mir das leicht, da es mir doch, ich schwöre es Dir, vorher unmöglich war. Ich weiß nicht, welche seltsame Vorstellung von einer unvernünftigen Angst meiner Verwandten über mich, in meinem Hirn Wurzel gefaßt hatte. Zum Teil war ich überdrüssig Euch mit Hoffnungen hinzuhalten, zum Teil schien es mir auch unmöglich, bei Euch noch welche zu erregen. Es ist also einerlei, dachte ich, ob du schreibst oder nicht.

Lies doch inliegenden Brief von Wieland, dem Alten, den ich, auf ein kurzes Empfehlungsschreiben das ich Werdecks mitgab, am Abend Eurer Abreise empfing. Ich sehe sein Antlitz vor Eifer glühen, indem ich ihn lese. - Die beiden letzten Zeilen sind mir die rührendsten. Du kannst sie, wenn Du willst, verstehen.

Schliebens lassen Euch noch tausendmal grüßen. Die jüngste hat mir zum Andenken ein Halbhemdchen gestickt, das ausnehmend schön ist. Ich habe die beiden Mädchen immer die niedlichsten Sachen verfertigen sehen, Kleider, Tücher, Schleier usw., und bemerkte doch niemals, daß sie sie selber trugen. Am Tage vor meiner Abreise erfuhr ich, daß die armen Kinder diese Arbeit ihrer Hände verkaufen. Eine Freundin bezahlt sie ihnen, und sucht sie selber dann wieder bei Kaufleuten abzusetzen. Das ist aber doch immer nur ein sehr ungewisser Absatz, und die armen Mädchen müssen, weil sie so heimlich zu Werke gehen, ihre Ware oft um ein Spottgeld hingeben. Könnte man ihnen nicht helfen? Ließen sich ihre Sachen nicht etwa bei einem der Kaufleute absetzen, die in Gulben auf den Markt kommen? Wenn Du irgend ein Mittel weißt, wie sich dies mit Anstand und Verschweigung des Namens tun läßt, so nimm Dich doch der Sache an. Du kannst in diesem Falle nur gradezu mit ihnen darüber in Korrespondenz treten. (Sie wissen aber davon nichts, daß ich Dir diesen Vorschlag mache.)

Die inliegenden Noten sind für mein neues Kusinchen, Emilie Schätzel. Die Arie ist hier fürs Klavier gesetzt, kann aber von ihrem Lehrer leicht für die Zither angeordnet werden.

Gleißenberg, wie Du wissen wirst, ist Gouverneur bei der Ecole militaire geworden, als Kapitän. Rühle löst ihn in Schlesien ab. - Ich gratuliere von Herzen Carolinen; denn, so wahr ich lebe, sie wird einen Mann heiraten.

Und nun lebe wohl, ich gehe heut mittag von hier ab. Ich küsse Tantchens Hand, und alle meine Geschwister, auch Ottilien.

Leipzig, den 20. Juli 1803

Heinrich.


Zu den Übersichtsseiten (Personen, Orte, Zeit, Quellen)

Personen | Orte | Werke | Briefe | Jahresübersichten | Quellen