Brief 1804-07-27

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Berlin, 27. Juli 1804

Absender: Heinrich von Kleist

Adressat: Ulrike von Kleist


Mein liebes Ulrikchen,

die Antwort des Königs auf meine Zuschrift, bleibt auf eine nur ganz unverständliche Weise, zum zweitenmale aus. Ich habe nicht wagen dürfen, mich bei Kökritzen nach der Ursach dieses sonderbaren Aufschubs zu erkundigen, da jeder nächste Tag mir immer die Resolution noch bringen konnte. Übermorgen aber geht meine Hoffnung zu Ende, und ich will zum viertenmale nach Charlottenburg hinaus. Denn dieser ungewisse Zustand wird mir nachgerade völlig zum Ekel. - Jene bewußten 20 Rth. sind, weil die Adresse nicht bestimmt genug war, an den Obristen Kleist, Directeur der Militärakademie abgegeben worden. Ich habe Geld und Brief, leider nicht mehr uneröffnet, empfangen, und mich nur betrübt, daß ich diesem Manne nicht jetzt auch Deine früheren Briefe mitteilen konnte. - Ach, Ulrikchen, wie unglücklich wäre ich, wenn ich nicht mehr stolz sein könnte!

- Werde nicht irre an mir, mein bestes Mädchen! Laß mir den Trost, daß einer in der Welt sei, der fest auf mir vertraut! Wenn ich in Deinen Augen nichts mehr wert bin, so bin ich wirklich nichts mehr wert! - Sei standhaft! Sei standhaft! Gualtieri reiset in einigen Tagen nach Schlesien, um einen Handel in Gang zu bringen, der nach Spanien unternommen werden soll. Er wartet wirklich bloß auf die Entscheidung meines Schicksals, um sich mich sogleich vom Könige auszubitten. Er will mich unentgeltlich mitnehmen, und ich brauche nichts, als jene 25 Rth., die Ihr mir monatlich ausgesetzt habt, um eine kleine Börse bei mir zu führen. Besorge mir also doch dies Geld, wenn es sein kann, unverzüglich hierher. Wir reisen wahrscheinlich über Frankfurt, und es sollte mir lieb sein, wenn sich Gelegenheit fände, Euch diesen Menschen vorzustellen, an welchem mir selber alles, bis auf seine Liebe zu mir, so unbegreiflich ist. - Adieu. Viele Grüße an Tanten und die Geschwister.

Berlin, d. Freitag, [27.] Juli 1804

Heinrich Kleist.

N. S. Ich wohne in der Spandauer Straße, Nr. 53


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