Brief 1807-10-30

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Dresden, 30. Oktober 1807

Absender: Heinrich von Kleist

Adressat: Adolfine von Werdeck


Sein Sie nicht böse, meine gnädigste Frau, daß ich so viele Jahre habe vorübergehen lassen, ohne Ihnen ein Wort von mir zu sagen. Ich bin, was das Gedächtnis meiner Freunde anbetrifft, mit einer ewigen Jugend begabt, und dies seltsame Bewußtsein ist allein schuld an der Unart, nicht zu schreiben. Eben weil alles, über alle Zweideutigkeit hinaus, so ist, wie es sein soll, glaube ich mich der Verpflichtung überhoben, es zu sagen. Die verschiednen Momente in der Zeit, da mir ein Freund erscheint, kann ich so zusammenknüpfen, daß sie wie ein Leben aussehen, und die fremden Zeiträume, die zwischen ihnen sind, ganz verschwinden. So ist mir der Abend, da ich von Boulogne zurückkehrte, und Sie, mir zu Liebe, die Oper aufopferten, gegenwärtig, als wär er von gestern; und wenn ich Sie wiedersehe, wird mir grade sein, als ob Sie mit Bertuch, von wo? weiß ich nicht, wieder kämen; denn Sie stiegen grade ein, als ich Paris verließ. Nach Dittersbach konnte ich nicht kommen, weil ich in der Tat krank war; und noch jetzt ist mein mittlerer Zustand (der Durchschnitt derselben) krankhaft: meine Nerven sind zerrüttet, und ich bin nur periodenweise gesund. Für Leopolds, mir mitgeteilten, Brief danke ich. Sein Entschluß, wieder in Dienste zu gehen, hat eine doppelte Seite. Wenn er es um des Königs willen tut, so muß man ihn loben; doch tut er es um seinetwillen, bedauern. Was sagen Sie zur Welt, d. h. zur Physiognomie des Augenblicks? Ich finde, daß mitten in seiner Verzerrung etwas Komisches liegt. Es ist, als ob sie im Walzen, gleich einer alten Frau, plötzlich nachgäbe (sie wäre zu Tode getanzt worden wenn sie fest gehalten hätte); und Sie wissen, was dies auf den Walzer für einen Effekt macht. Ich lache darüber, wenn ich es denke. Wissen Sie denn, daß ich auch einen Schleifer mitgemacht habe, nach dem Fort de Joux über Chalons und wieder zurück? Es scheint fast, nein: doch dies ist Stoff für die Winterabende, wenn Sie nach Dresden kommen. Wie lange bleiben Sie denn noch aus? Wollen Sie in Dittersbach einschneen? Denn hier hat es schon gestöbert. Grüßen Sie Werdeck, Pfuel empfiehlt sich ihm und Ihnen, auch dem Kleinen, so wie ich, auf den ich mich unmäßig freue.

Dresden, den 30. Okt. 1807 H. v. Kleist.


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