Brief 1808-01-05

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Dresden, 5. Januar 1808

Absender: Heinrich von Kleist

Adressat: Ulrike von Kleist


Dresden, den 5. Jan. 1808

Es sind nun schon wieder nahe an drei Monaten, meine teuerste Ulrike, daß ich keine Zeile von Deiner Hand gesehen habe. Dieses Wormlage liegt in einem solchen Winkel der Erde, daß die Post es gar nicht kennt, und der eine sagt, die Briefe gingen über Berlin, der andere, über Cottbus. Ich schicke Dir also diesen Boten, als eine Art von Exekution, die nicht eher von Dir gehe, als bis Du Dich zu einer Antwort entschlossen hast. Setze Dich sogleich hin, mein liebstes Mädchen, und schreibe mir, warum das Geld, das Du mir zu Weihnachten versprochen hast, ausgeblieben ist? Jeder Grund ist zu verschmerzen, nur nicht der, daß Du mir böse bist. Wenn Du es nicht auftreiben kannst, was sehr wohl möglich ist, so muß ich dies wenigstens wissen, damit irgend ein andrer Rat geschafft werden kann. Denn unsere literarische Unternehmung, die den besten Fortgang verspricht, ist in vollem Laufe, Dresden allein bringt 50 Subskribenten auf, woraus Du das Resultat des Ganzen berechnen magst, wenn Du auch nur annimmst, daß von den übrigen Städten in Deutschland, jede 1 nimmt. Die Horen setzten 3000 Exemplare ab; und schwerlich konnte man sich, bei ihrer Erscheinung, lebhafter dafür interessieren, als für den Phöbus. Durch alle drei Hauptgesandten dieser Residenz (den franz., östr. und russischen, welcher letztere sogar (Graf Kanikow) Aufsätze hergibt) zirkulieren Subskriptionslisten, und wir werden das erste Heft auf Velin durch sie an alle Fürsten Deutschlands senden. Es kömmt alles darauf an, daß wir die Unternehmung, in den drei ersten Monaten, aus eigner Kasse bestreiten können, um nachher in jeder Rücksicht völlig gedeckt zu sein. Schreibe mir also unverzüglich, ob Du mir mit einem Vorschuß zu Hülfe kommen kannst, oder nicht; und wenn es bloß daran liegt, daß Du das Ganze, das Du versprachst, nicht auftreiben kannst, so schicke den Teil, den Du vorrätig hattest, und zwar gleich, durch meinen Boten, welches ein, zum Postamt gehöriger, Portechaisenträger, und völlig sicher. Ich schicke Dir eine Handvoll Anzeigen, damit Du auch, oder wer es sei, eine Subskription, wo sich die Gelegenheit findet, veranlassen kannst. Julchen kann eine oder zwei an Martini nach Frankfurt schicken, wo ja auch Lesegesellschaften sein müssen. Adieu, grüße alles, und scheibe mir, was Du willst, nur nicht, daß Du mir nicht mehr so gut bist, als sonst -

Dein Heinrich.

(Pirnsche Vorstadt, Rammsche Gasse Nr. 123)

N. S. Der Bote ist bezahlt.


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