Brief Brief 1807-03-10

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Château de Joux (Doubs), 10. März 1807

Absender: Heinrich von Kleist

Adressat: Christoph Martin Wieland


Mein verehrungswürdigster Freund,

Ich küsse Ihnen voll Rührung und Ehrfurcht die Hände. Verzei-hen Sie, daß ich, seit nun fast zwei Jahren, nichts von mir hören ließ. Ich war im Begriff, in Weimar so, wie es meine Seele wünscht, wieder vor Ihnen zu erscheinen; doch der sonderbarste Zufall hat mich daran verhindert.

Ich bin auf meiner Durchreise durch Berlin mit noch zwei jungen Landsleuten, auf Befehl des General-Gouverneurs Clark, arretiert und, als ein Staatsgefangener, nach diesem festen Schlosse abge-führt worden. Erschrecken Sie nicht, es muß ein Mißverständnis dieser Sache zugrunde liegen, denn auch nicht in Gedanken, wie Sie sich leicht überzeugen werden, mischt ich mich in den Streit der Welt. Unsre Order lautet auch auf weiter nichts, als Gefangen-schaft bis zum Frieden, und wenn wir unsre Gefängnisse nur mit Zimmern verwechseln dürfen, wie wir auszuwirken hoffen, so sind wir völlig zufrieden. Die ganze Veränderung mindestens, die ich dadurch erleide, besteht darin, daß ich nunmehr in Joux, statt in Dresden oder Weimar dichte; und wenn es nur gute Verse sind, was gilt das Übrige?

Die Absicht dieses Schreibens ist, Ihnen, mein würdigster Freund, zu melden, daß Sie von einer Freundin, der Frau von Kleist, zu Potsdam, ein paar Manuskripte erhalten werden, die ich im vergangenen Sommer zu Königsberg dichtete. Würdigen Sie sie gefälligst Ihrer Durchsicht. Ich würde seelig gewesen sein, wenn ich, wie in jenem mir ewig unvergeßlichen Winter vor 5 Jahren, einen Augenblick hätte finden können, Sie Ihnen vorzu-tragen. Wenn Sie sie für die öffentliche Erscheinung geeignet finden und der Zeitpunkt nicht ganz ungünstig ist, so führen Sie mich gütigst bei einem Buchhändler ein; ich habe mich schon mit Gessner deshalb in Correspondenz gesetzt, und wenn er mit Cotta verbunden ist, so würd‘ ich mit niemandem lieber, für die ganze Zukunft, Geschäfte dieser Art betreiben, als mit ihm.

Erfreuen Sie mich, in meiner einsamen Wohnung, mit einem paar Zeilen von Ihrer Hand. Ich bin ein Kaiser, wenn Sie mir sagen, daß ich Ihnen etwas wert bin. Ihr Brief geht am sichersten, adressiert an Commandant du Château de Joux (Doubs) Ms. v. Bureau. Grüßen Sie alle die Ihrigen, Madame Schorch, Louise – auch Louis – er soll mir schreiben, wie es ihm geht, und was er für die Zukunft für Pläne hat.

Möge Frieden und Heiterkeit den Rest Ihrer Tage krönen, wie der Ruhm ihn krönt!
Ihr ergebenster
Heinrich von Kleist ehemals pr. Offizier.
Im Château de Joux (Doubs), den 10. März 1807


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