Brief Brief 1807-06-08

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Chalons sur Marne, 8. Juni 1807

Absender: Heinrich von Kleist

Adressat: Ulrike von Kleist


Wie frohlocke ich, meine teuerste Ulrike, wenn ich alles denke, was Du mir bist, und welch eine Freundin mir der Himmel an Dir geschenkt hat! Ich höre, daß Du Dich in Berlin aufhältst, um bei dem Gen. Clarke meine Befreiung zu betreiben. Von Tage zu Tage habe ich auf die Erfüllung des Versprechens gewartet, das er Dir und der Kl[eisten] darüber gegeben haben soll, und angestanden, Dir zu schreiben, um Dich nicht zu neuen, allzufrühzeitigen Vorstellungen zu verleiten. Man hätte Dir die Antwort geben können, daß der Befehl darüber noch nicht an den hiesigen Kommandanten angekommen wäre. Doch jetzt, nach einer fast vierwöchentlichen vergeblichen Erwartung, scheint es mir wahrscheinich, daß gar keiner ausgefertigt worden ist, und daß man Dich, mein vortreffliches Mädchen, bloß mit Vorgespiegelungen abgefertigt hat. Ich weiß sogar aus einer sicheren Quelle, daß der hiesige Kommandant wegen meiner Instruktionen hat, die mit dem guten Willen, mich loszulassen, nicht in der besten Verbindung stehn. Inzwischen ist meine Lage hier, unter Menschen, die von Schmach und Elend niedergedrückt sind, wie Du Dir leicht denken kannst, die widerwärtigste; ob ein Frieden überhaupt sein wird, wissen die Götter; und ich sehne mich in mein Vaterland zurück. Es wäre vielleicht noch ein neuer Versuch bei dem Gen. Clarke zu wagen. Vielleicht, daß er immer noch geglaubt hat, etwas herauszubringen, wo nichts herauszubringen ist, daß er mit diesem Verfahren hat Zeit gewinnen wollen und sich jetzt endlich von der Nutzlosigkeit meiner Gefangenschaft überzeugt hat. Wie gern möchte ich Dir, zu so vielem andern, auch noch diese Befreiung daraus verdanken! Wie willkommen ist mir der Wechsel gewesen, den Du mir durch Schlotheim überschickt hast. Es wird Dir unerhört scheinen, wenn ich Dir versichere, daß ich während der ganzen zwei ersten Monate meiner Gefangenschaft keinen Sol erhalten habe; daß ich von einem Ort zum andern verwiesen worden bin; daß mir auch noch jetzt alle Reklamationen nichts helfen, und kurz, daß ich darum förmlich betrogen worden bin. Der allgemeine Grund war immer der, daß man nicht wüßte, ob man mich als Staatsgefangnen oder Kriegsgefangnen behandeln sollte; und ob ich während dieses Streits verhungerte, oder nicht, war einerlei. Jetzt endlich hat es der hiesige Kommandant durchgesetzt, daß ich das gewöhnliche Traktament der kriegsgefangenen Offiziere von 37 Franken monatlich erhalte. Dies und dein Wechsel schützt mich nun vorderhand vor Not; und wenn jetzt nur bald ein Befehl zu meiner Befreiung ankäme, so würde ich, mit den Indemnitäten, die die reisenden Offiziere erhalten, meine Rückreise noch bestreiten können. Zwar, wenn der Friede nicht bald eintritt, so weiß ich kaum, was ich dort soll. Glück kann, unter diesen Umständen, niemandem blühen; doch mir am wenigsten. Rühle hat ein Manuskript, das mir unter andern Verhältnissen das Dreifache wert gewesen wäre, für 24 Louisdor verkaufen müssen. Ich habe deren noch in diesem Augenblick zwei fertig; doch sie sind die Arbeit eines Jahres, von deren Einkommen ich zwei hätte leben sollen, und nun kaum ein halbes bestreiten kann. Inzwischen bleibt es immer das Vorteilhafteste für mich zurückzukehren, und mich irgendwo in der Nähe des Buchhandels aufzuhalten, wo er am wenigsten daniederliegt. - Doch genug jetzt von mir. Es ist widerwärtig, unter Verhältnissen, wie die bestehenden sind, von seiner eignen Not zu reden. Menschen, von unsrer Art, sollten immer nur die Welt denken. Was sind dies für Zeiten! Und das Hülfloseste daran ist, daß man nicht einmal davon reden darf. - Schreibe mir bald, daß ich nach Berlin zurückkehren kann. Angern und die Kleisten sind jetzt nicht mehr da; meine ganze Hoffnung beruht auf Dich. Adieu.</p>

Chalons sur Marne, d. 8. Juni 1807

Heinrich von Kleist.


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