Brief Spätherbst 1807/03

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Dresden, Spätherbst 1807

Absender: Heinrich von Kleist

Adressat: Marie von Kleist


Daß Ihnen, wie Sie in R[ühle]s Brief sagen, das letzte, in seiner abgerißnen Form höchst barbarische Fragment der Penthesilea, worin sie den Achill tot schlägt, gleichwohl Tränen entlockt hat, ist mir, weil es beweiset, daß Sie die Möglichkeit einer dramatischen Motivierung denken können, selbst etwas so Rührendes, daß ich Ihnen gleich das Fragment schicken muß, worin sie ihn küßt, und wodurch jenes allererst rührend wird. Diese Ihre Neigung, sich auf die Partei des Dichters zu werfen, und durch Ihre eigne Einbildung geltend zu machen, was nur halb gesagt ist, bestimmt mich, mir öfter das Vergnügen zu machen, Ihnen im Laufe meiner Arbeiten abgerissne Stücke derselben zuzusenden. Um alles in der Welt möcht ich kein so von kassierten Varianten strotzendes Manuskript einem andern mitteilen, der nicht von dem Grundsatz ausginge, daß alles seinen guten Grund hat. Doch Sie, die sich den Text mitten aus allen Korrekturen, in voller Autorität, als wäre er groß Fraktur gedruckt, herausklauben, macht es mir Vergnügen zu zeigen, wo mein Gefühl geschwankt hat. Und auch wozu vor Ihnen Geheimnisse haben, Sie, die mir gut sind, ich mag sein wie ich will. Dies Gefühl ist ein Unendliches und ein ganzes Zeitalter, vor mir auf Knien, würde mir nicht halb das sein, was eine einzige Regung von Ihnen.


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